Wenn die Sonne mit Dir tanzen möchte
Wenn die Sonne in Dir tanzen möchte
Über Wärme, Bewegung und die Kunst, Lebendigkeit zuzulassen

36 Grad. Und es wird noch heißer, mach den Beat nie wieder leiser ... Dieser Song der Gruppe 2raumwohnung passt so hervorragend auf den jetzigen Sommer, dass ich einfach nicht ohne diesen auskomme.
Sobald die Temperaturen steigen, häufen sich die Warnungen: Bleib im Schatten. Vermeide Anstrengung. Schone Deinen Kreislauf. Streng Dich nicht an.
Diese Hinweise sind wichtig. Unser Körper braucht Wasser, Pausen und einen vernünftigen Umgang mit großer Hitze - doch was ist vernünftig? Ist diese eine Seite wirklich das Wesentliche?
Wann haben wir eigentlich aufgehört, die Sonne als etwas Positives zu betrachten?
Seit Jahrtausenden steht sie in nahezu allen Kulturen für Kraft, Wachstum und Lebensenergie. Ohne Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde. Sie lässt Pflanzen wachsen, bestimmt unsere Jahreszeiten und beeinflusst unseren natürlichen Rhythmus.
Trotzdem erleben viele Menschen Wärme heute fast ausschließlich als Belastung.
Vielleicht liegt es daran, dass wir uns immer mehr von natürlichen Rhythmen entfernt haben. Wir verbringen viel Zeit in geschlossenen Räumen, bewegen uns im Arbeitsalltag oft viel zu wenig und versuchen häufig, jede körperliche Reaktion zu kontrollieren. An- und Verspannungen sind die Folge.
Dabei geschieht bei Wärme etwas ganz Natürliches:
Der Körper wird durchlässiger.
Die Muskulatur entspannt sich leichter. Die Gefäße erweitern sich. Der Stoffwechsel verändert sich, wir haben gar keinen Hunger. Viele Menschen spüren plötzlich den Impuls sich freier zu bewegen, raus aus den Alltag zu gehen, Urlaub zu haben.
Genau darin liegt eine interessante Beobachtung.
In Ländern und Kulturen, in denen Wärme selbstverständlich zum Alltag gehört, finden wir häufig Tänze und Bewegungsformen, die von Rhythmus, Schwingen und Lebensfreude geprägt sind. Afrikanische Tänze, Salsa, Samba, Merengue oder Bachata entstehen nicht trotz der Wärme - sondern oft in enger Verbindung mit ihr.
Das habe ich selbst am letzten Wochenende zum Tanzretreat wieder erlebt, mit Frauen unter der wunderbaren Führung von Zsuzsanna Parrag. Wenn wir den Erschöpfungsgedanken und diesem Gefühl keinen Raum mehr geben, sondern den Spaß und der Bewegungsfreude folgen, passiert etwas Grandioses! Ich konnte mich vollkommen auf die Musik, der Wärme und den Bewegungen des Haitianischen Tanzes Ibu (oder Ibo) einlassen. Die Energie der Musik, der Sonne war in mir und ich konnte die kraftvollen Bewegungen einfach tanzen, gefühlt stundenlang. - Energie will nicht festgehalten werden, sie will fließen.
Viele kennen bestimmt dieses Gefühl. Ein Sommerabend, Musik läuft im Hintergrund, man sitzt vielleicht am Wasser oder in einem Biergarten. Die Luft ist warm. Plötzlich bewegt sich der Fuß im Takt. Die Schultern werden lockerer. Der Körper beginnt mitzuschwingen.
Nicht, weil jemand gesagt hat, dass Bewegung gesund ist, sondern weil die eigene Lebendigkeit, fern von Aufgaben und Pflichten, nach Ausdruck sucht.
Natürlich bedeutet das nicht, bei 36 Grad sofort Höchstleistungen zu vollbringen. Es geht darum, den Körper wahrzunehmen, in Resonanz mit der Umgebung zu sein - nicht in Ablehnung, sondern in Annahme der Möglichkeiten und Chancen für sich selbst.
Ein Spaziergang im Schatten, lockere Bewegungen am Morgen, einen Sommertanz auf der Terrasse oder in der Küche, lassen wir inspirierende Musik dazu laufen, geht es fast von selbst.
Und ganz wichtig: Bewegung unterstützt den Kreislauf, erhält diesen sogar. Die Muskeltätigkeit ist enorm wichtig, dass die Gefäße nicht zu sehr nachgeben und das Blut nicht "versackt". In Bewegung bleiben wir nicht nur kreislaufmäßig aktiv. Ebenso hilft es dem Gehirn klarer zu denken. Nehmen wir also Kontakt mit der Wärme auf, anstatt gegen sie zu kämpfen.
Für mich ist das eine produktive, selbst erfahren Sicht auf den Sommer.
Nicht: Wie schütze ich mich vor allem? Sondern auch: Was möchte diese Jahreszeit in mir wecken?
Mehr Weite? - Mehr Leichtigkeit? - Mehr Lebensfreude?
Die Sonne ist mehr als ein Wetterphänomen. Sie erinnert uns daran, dass Leben Bewegung bedeutet und wenn ein Gewitter dazwischen kommt, funktioniert es auch.
Nutzen wir die Energie der Sonne, gehen respektvoll um und lernen wieder, sie bewusst aufzunehmen, in uns wirken zu lassen und durch Bewegung zu integrieren.
Nicht als Leistung. Sondern als Ausdruck von Lebendigkeit.
Also mach den Beat nicht leiser. Bewege Dich und tanze.
Und erlebe Dich selbst als Teil dieses Sommers.
